Amanita & der Santa-Gott-Komplex

Vom Diebstahl der inneren Bilder (und warum der Fliegenpilz kein Opa ist)

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Kennst du das: du hattest ein Lieblingsbuch in deiner Kindheit und dann hast du den Film dazu gesehen und damit wurden die inneren Bilder überschrieben? Der Zauber der eigenen Fantasie, die man während des Lesens hatte, war für immer verschwunden. Denn wir sind so gepolt in unserer Erziehung, dass die Wahrnehmung mit den Augen immer mehr Realitätsgehalt und Wahrheit zugeschrieben wird, als unseren innern Bildern.

Niemand kann dir deine inneren kosmologischen Symbole vorschreiben. Aber wenn wir uns mit entsprechenden Bilderwelten füttern, laden wir uns die kulturelle Kosmologie anderer ein. Und die können Realitäten in dich setzen, die du eigentlich gar nicht leben willst. Wie die des alten weißen, bärtigen Mannes als spirituelle Leitfigur – vom monotheistischen Gott über Weihnachtsmann bis zum Guru. Es suggeriert, dass man eine (männliche) Führungsfigur braucht, um Zugang zu teiferer Erfahrung zu bekommen. Es ist eine spirituelle Kolonialisierung: Die wilde, unvorhersehbare, oft auch „queere“ oder nicht-binäre Kraft der Natur wird in ein vertrautes, europäisches Machtschema gepresst. Der Pilz wird zum „Besitz“ einer bekannten Symbolik gemacht, statt ihn in seiner Fremdartigkeit (dem Myzel-Denken) zu belassen.


 

Warum sieht der Fliegenpilz-Spirit eigentlich oft so aus wie eine Mischung aus Gandalf und dem Weihnachtsmann? Ist das der Pilz, oder ist das der Algorithmus von Silicon Valley?

 

Gerade wenn man dann die KI fragt, den Spirit des Fliegenpilzes zu bebildern, kommt dann eben genau das bei raus, was an patriarchalen, kolonialisiertem Bild in die KI hineingefüttert wurde und damit reproduziert sich ein Denken in Hierarchien. Und mit diesem unreflektierten KI-Slob werden wir mehr und mehr zugemüllt – unsere Fantasie, unsere innere Kosmologie und Spiritualität wird zur Müllhalde der künstlichen Bildwelten, die den Prozess der Monokultur der Bilder verschärft.

Was ich gerade bei Fliegenpilz so schade finde, denn ich erlebe ihn als einen, der die Vielfalt feiert und in die Eigenermächtigung. Er ist einer der dem ihm selbst innewohneneden Dualismus in Non-Dualität im Erleben überführt und die Hierarchie in der Naturerfahrung auflöst.

 

Das Myzel & Loki als Gegenentwurf

Monotheismus denkt in der "Eins". Pilze denken in "Vielheit". Ein Pilz ist nie allein; er ist nur der Fruchtkörper eines riesigen Netzwerks. Ein "Spirit", der als Kollektiv auftritt, widerspricht dem Konzept des einen, autoritären Herrschers fundamental.: das Myzel! Das Myzel arbeitet kooperativ aus der Körperweisheit heraus, spürt, was es braucht, verbunden in das eigene Erleben. Dieses eigene Erleben, die eigene innere Angebundenheit kann sich oft in symbolischen Darstellungen zeigen, innere Bilder, Träume etc. Aber diese optischen Symbole sollten in meinen Augen aus dem eigenen Erleben kommen, nicht von außen. Sonst besteht die Gefahr, dass dieses fremde Bild sich vor die eigene Anbindung schiebt und dadurch sogar blockieren kann. In alten Religionen hatte man dafür einen Namen: Götze. Mit dem Hinweis: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Warum? Weil jedes festgefahrenes Bild (wie der KI-Opa) die Sicht auf das, was dahinter liegt, verdecken kann. Und man kommt nicht mehr in die eigene Tiefe, in die eigene Weisheit. Wir beten das Bild an und vergessen die Quelle. Die Erfahrung bleibt flach und stellt sich in eine konsumistische Position, in der der kultische, religiöse Führer sagt, wo es langeht.

Ähnlich geht es mir zum Beispiel so bei dem Kult um den Weihnachtsmann, der gerne mit dem Fliegenpilz assoziiert wird. Das hat → wenig wissenschaftlichen Boden (→ und hier), aber ist sehr beliebt und auch kulturhistorisch mit den Fliegenpilzchen als Glückssymbol in unserer heimischen Weihnachtsdeko verwoben. Aber darüber hinaus: was hilft einem diese Geschichte, außer dass sie schön romantisch ist? Der Weihnachtsmann als weiße, bärtige Gallionsfigur einer kapitalistisch ausbeutenden (und für viele psychisch belastenden) Feierkultur ist eh schon problematisch genug, da muss ich nicht auch noch den Fliegenpilz mithineinziehen.
Ich persönlich finde ich die Erzählung aus dem Nordisch-Germanischen weitaus reichhaltiger: der Fliegenpilz als alchemistische Materialisierung durch eine Geschichte rund um den Trickster Loki, der die Urkräfte der chaotischen Riesen mit den ordnenden Kräften der Gottheiten durch eine Geburt vereint – an deren Kräfte man dann über den Fliegenpilz dann auch anbinden kann.* Und dies zeigt sich auch konkret im Erleben, wenn man mit dem Fliegenpilz geht! Das hat doch symbolisch viel mehr Potenzial, oder? Viel lieber stehe ich in Beziehung zu diesen lebendigen Prinzipien, als abhängig zu sein vom Wohlwollen eines moralin-sauren Märchenonkels, ob ich Geschenke bekomme.

* Ich arbeite gerade an einer Aufarbeitung dieser nordischen Urkräfte als Hörspiel/Text, um diesen lebendigen Prinzipien wieder Raum zu geben. Mehr dazu zur Wintersonnenwende.

 

„Lass dir nicht von einer Datenbank voller Klischees vorschreiben, wie deine spirituelle Erfahrung auszusehen hat.“

 

Assoziationen aus verschiedenen Kulturen – sie müssen nicht zwangsläufig auf den Fliegenpilz hinweisen, manche sind vielleicht nur zufällige optische Ähnlichkeiten, gleiche Muster, gleiche Farben, pilzförmiges.

 

Lasst uns die Amanita Weiber feiern!

Wenn wir die kolonialisierte Brille abnehmen und dorthin schauen, wo die Beziehung zum Fliegenpilz ungebrochen (oder zumindest weniger lang gebrochen) ist – zu den indigenen Völkern Sibiriens wie den Koryaken und Tschuktschen – finden wir eine Kosmologie, die den heutigen KI-Bildern radikal widerspricht. Dort gibt es keinen thronenden Gottvater. Wer die Reise mit der Amanita antritt, begegnet den Wapaq-Mädchen (oder Wa'pak-Frauen), den Geistern des Fliegenpilzes. In den Mythen werden sie als flinke, kraftvolle und oft übermütige junge Frauen beschrieben. Sie treten fast nie allein auf. Die Erzählungen sagen: Es erscheinen dir so viele Mädchen, wie du Pilze gegessen hast.

  • Vielheit statt Hierarchie: Sie sind ein Rudel, ein Kollektiv. Sie führen nicht durch Befehle, sondern indem sie den Reisenden an die Hand nehmen und ihn durch die Schichten der Wirklichkeit ziehen. Es gibt keine „Spitze der Pyramide“, sondern eine dynamische Gruppe.

  • Bewegung statt Erstarrung: Während der patriarchale Guru-Typus für statische Ordnung und „Moral“ steht, sind die Wapaq-Mädchen Wesen der Bewegung. Sie wirbeln, sie tanzen, sie verändern ihre Form. Sie spiegeln die lebendige, oft chaotische Natur des Pilzes wider.

  • Führung auf Augenhöhe: Sie sind Gefährtinnen, keine Richter. Sie fordern keine Unterwerfung, sondern Mut und Interaktion.

Auch bei den Tungusen findet sich eine herausstechende weibliche Figur:
Wenn du ein echtes Bild von Amanita-Spiritualität suchst, dann lass den KI-Opa links liegen und schau dir → Tatiana Urkachen an. Sie war eine Schamanin der Ewenen in 7. Generation. In ihren rituellen Tänzen zeigte sie die lebendige, wirbelnde Kraft des Fliegenpilzes – eine Frau, die echte Anbindung lebte, weit weg von jedem patriarchalen Klischee. Dass die KI uns ihre Geschichte vorenthält und stattdessen den „Märchenonkel“ liefert, sagt alles über die visuelle Kolonialisierung aus, von der ich oben schreibe.

Auch heutzutage assoziieren viele Menschen Amanita Muscaria mit einer weiblich konnotierten Kraft (zum Beispiel assoziiert mit Freya, der Sheela Nagig oder dem Bild einer Waldherrin) oder mit einem Rudel verspielter, kleiner Wesenheiten – besonders im Sinne der frechen comic-haften Erscheinung, wie sie oft in Träumen auftauchen kann, besonders im Zwischenreich beim Einschlafen.

Dass die KI uns heute einen „alten weißen Mann“ präsentiert, ist eine visuelle Enteignung: eine systematische Auslöschung dieser weiblichen, kollektiven Urkraft. Indem wir uns an die Amanita-Weiber erinnern, dekolonialisieren wir unsere Vorstellung von spiritueller Führung: Weg vom einen, der „oben“ steht, hin zu den vielen, die uns „begleiten“.


Reflexions-Impuls

Warum fällt es uns so schwer, uns spirituelle Kraft als ein Kollektiv aus flinken, lachenden Frauen vorzustellen? Und warum akzeptieren wir so bereitwillig den einsamen Greis als Symbol für Weisheit?


Der KI-Slob als „Fast-Food-Spiritualität“

Zurück zu den inneren Bildern … Die Wichtigkeit der gesehenen Realität ist ein Basic Überlebensinstinkt. Aber ihre Vorherrschaft über die innere Kosmologie ist ein Erbe der Aufklärung, der Entzauberung der Welt. Diese Vorherrschaft des Sezierbaren, Vernunft-Erklärbaren hat uns abgeschnitten von einer holistischen Wahrnehmung der Welt und erklärt diese zur toten Materie, die man (so als selbsternannte Krone der Schöpfung) ausbeuten kann. Kein Raum für Mystik und Vielfalt.
KI entstand genau aus diesem Mindset und wurde damit gefüttert: dem patriarchalen Bias von Silicon Valley. Die KI ist nur ein Daten-Echo und spiegelt die Jahrhunderte der westlichen Malerei, Literatur und religiösen Kunst wider, die diesen Filter gesetzt haben. Indigene Weltsichten, matriarchales Wissen, Zyklisches und Myzelierendes kommen dort nicht als realitäts- und sinnstiftende Bezugspunkte vor. Folglich: Wenn wir einem Prompt erlauben, unsere Vorstellungswelten zu besetzen, ersetzen wir den Mut zur eigenen ungezähmten Erfahrung mit Abhängigkeit von veralteten Guru-Abziehbildchen.

Ich will hier hinaus auf eine Form von „visueller Hygiene“ oder sogar „psychedelischer Integrität“. Die Bedrohung ist subtil – es ist keine klassische Lüge, sondern eine ästhetische Verflachung, die unser Unterbewusstsein kolonisiert.

 

Für eine dekolonialisierte Vorstellungskraft

Ich habe daher eine Bitte an dich – egal, ob du selbst Bilder mit KI generierst oder dich in den Strömen von KI-Bildern bewegst:

  1. Hinterfrage den ‚Default‘: Wenn die KI dir einen alten weißen Mann ausspuckt, wenn du nach ‚Weisheit‘ oder ‚Spirit‘ suchst – frag dich: Ist das eine universelle Wahrheit oder nur der statistische Durchschnitt einer patriarchalen Datenbank?

  2. Erkenne die psychedelische Korruption: Psychedelische Erfahrung bedeutet Grenzüberschreitung und das Auflösen von Konzepten. Wenn wir diese Erfahrungen mit billigen, vorgefertigten Klischees bebildern, korrumpieren wir die Vision. Wir bauen Mauern aus Kitsch dort auf, wo eigentlich Weite sein sollte.

  3. Übe dich in Bild-Abstinenz: Müssen wir wirklich jedes Gefühl sofort bebildern? Manchmal ist die Leere, das Nicht-Bild, viel näher an der Wahrheit als ein generisches Glanzbild.

  4. Suche das Unbequeme: Traue dich, Bilder zu erschaffen oder zu teilen, die nicht sofort ‚klicken‘, die nicht gängigen Schönheitsidealen oder Hierarchien entsprechen.

 

Was macht das mit euch? Spürt ihr die Erleichterung, wenn ein Bild euch bestätigt – oder spürt ihr die Blockade, die es zwischen euch und die eigentliche, wilde Erfahrung schiebt? Wir alle stecken mitten in diesem Prozess der ‚digitalen Domestizierung‘. Wie bewahrt ihr euch eure inneren Bilder in einer Welt voller generischer Götzen?“



FAQ

  • Die oft behauptete Verbindung, dass sibirische Schamanen im „Fliegenpilz-Kostüm“ das Vorbild für den Weihnachtsmann seien, hält einer historischen Prüfung kaum stand: Traditionelle Schamanen-Regalia bestehen aus Fell und Leder in Erdtönen, nicht aus rot-weißem Stoff. Vielmehr handelt es sich um eine moderne westliche Rückprojektion, die im 20. Jahrhundert populär wurde. Auch Sankt Nikolaus fiel dieser Farbvereinheitlichung zum Opfer.

  • In ursprünglichen Kulturen oft ja: Die sibirischen Koryaken beschreiben den Spirit als Wapaq-Mädchen – ein flinkes, weibliches Kollektiv statt einer männlichen Herrscherfigur. Historisch verkörperte die Schamanin Tatiana Urkachen diese Verbindung. Das Bild des männlichen „Gurus“ ist eine spätere kulturelle Überlagerung der myzelischen, weiblichen Basis.

  • KI-Modelle arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und filtern den „statistischen Durchschnitt“ aus Milliarden von Internetdaten heraus. Das führt zu einem Mainstream-Bias: Statt echter Kreativität liefert die KI das gängigste Klischee – wie den bärtigen Guru oder den „Schamanen-Opa“. Diese visuelle Monokultur verdrängt nischiges, indigenes Wissen und individuelle Visionen zugunsten einer glattgebügelten Einheitsästhetik.

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